Das Entstehen von Ideen 3
Gerd Binnig und die Pyramide der Komplexität von Hubert Reeves
Gerd Karl Binnig (* 20. Juli 1947 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Physiker und Nobelpreisträger. 1986 erhielten Gerd Binnig und Heinrich Rohrer zusammen mit Ernst Ruska den Nobelpreis für Physik für die Entwicklung des Rastertunnelmikroskops. [Quelle: Wikipedia 2026]
Gerd Binnig vermisste in seinem Studium der Physik kreative Angebote. Die Kreativität kam zu kurz. Ein spielerischer Umgang mit dem vermittelten Wissensstoff gab es nicht. Bei Kindern, stellte er fest, besteht das Lernen aus der Kombination von Spielzeug (Stoff) und Spiel (Lernen). Analog hält Binnig ein spielerisches Erfassen des zu lernenden Stoffes für die bessere Lernmethode, weil sie Spaß macht, lustbetont ist und weil der »Kreativitätsmuskel« trainiert werden muss. Deshalb hat er während seines Studiums auch komponiert, Gedichte geschrieben und Bilder gemalt.1
Binnig möchte zu einer möglichst allgemeinen Definition der Kreativität gelangen, die vor allem auch die Evolution des Universums beschreibt. Die gefühlsmäßige Überbewertung des Menschen ist dabei nicht hilfreich, eher eine Illusion. »All die Möglichkeiten, die existieren, sind bereits in den Naturgesetzen verankert, und an denen können wir nichts ändern.« Sein Hypothese ist: Der Mensch ist kreativ durch die Naturgesetze und er ist Werkzeug der Naturgesetze.2 Mit der Theorie der Komplexitätspyramide von Prof. Hubert Reeves7 als Fundament entwickelt Gerd Binnig eine allgemeinen Definition von Kreativität.
Die Komplexitätspyramide von Prof. Hubert Reeves
»Erstens: Die Natur ist strukturiert wie eine Sprache. Ihre kleinsten Elemente sind die Buchstaben, die sich zu Worten zusammensetzen. Mehrere Sätze können eine ganze Geschichte, mehrere Geschichten können ein Buch und mehrere Bücher eine Bibliothek bilden usw. Damit formt man eine Komplexitätspyramide. Das Komplexere steht jeweils über dem Einfacheren.«
Zweitens: Kurz nach dem Urknall, vor etwa 20 Milliarden Jahren, gab es nur Licht. Alle gegenwärtigen Elemente der Pyramide waren noch nicht entstanden. Erst durch die allmähliche Abkühlung des Universums konnte die Pyramide entstehen. Sie »ist gewachsen und damit auch die Komplexität. Diese Pyramide entwickelt sich fortlaufend, denn das Universum ist dynamisch. Die Komplexität nimmt von unten nach oben zu, wobei die Wiederholbarkeit oder Austauschbarkeit verloren geht.«
Gerd Binnig nennt all diese Gebilde, die nach und nach auftauchen, »Wirkungseinheiten«. Das Wachstum der Pyramide sieht er als kreativen Vorgang. Seine Definition für Kreativität lautet deshalb: »Kreativität ist das Ermöglichen neuer Wirkungseinheiten.« Diese Definition ist so allgemein wie möglich gehalten. Binnig schreibt: »Eine Wirkungseinheit kann also auch ein Gedanke sein oder ein Buch. Wenn ich bei einem Buch einige Seiten herausreiße, dann wird es anders wirken. Das heißt, es kommt wirklich auf die Gesamteinheit an.«3
Er stellt die Behauptung auf: »Evolution läßt sich immer als Komplexitätspyramide darstellen [siehe dazu meine Grafik dieser Pyramide; die Fragezeichen stehen für Ebenen, über die noch wenig bekannt ist]. Gemeint ist jede Art von Evolution; so läßt sich auch die geistige Evolution wieder als bausteinartig zusammengesetzt beschreiben. Dabei bewirkt menschliche Kreativität das Wachsen von geistigen wie auch materiellen Pyramiden.« Sie »sind gewachsen durch zufällige Begegnungen einzelner Elemente.«5 Für Binnig ist der Zufall ein wesentliches Element des Denkens. In seinem Theoriemodell spielt er eine Hauptrolle.6 Im Weiteren nennt er als Beispiele die Denkpyramide mit der Mathematik als reinste Pyramide, das Gebäude der Logik als das Skelett der menschlichen Intelligenz, die Wissenspyramide und die Pyramide der Denktechniken mit der Unterpyramide der Kreativität.4
Literatur
(1-6) Binnig, Gerd (1992): Aus dem Nichts: über die Kreativität von Natur und Mensch. (4. Aufl.; 1. Aufl. 1989). München Zürich: Piper. 1 S. 13 f., 2 S. 22 ff., 3 S. 25 ff., 4 S. 31-41, 5 S. 55, 6 S. 185
(7) Reeves, Hubert (1986): L’Heure de s’enivrer: L’univers a-t-il un sens ? Paris: Éd. du Seuil. Grafik S. 57: La pyramide de la complexité.
in Deutsch: Reeves, Hubert (1989): Die kosmische Uhr: Hat das Universum einen Sinn? Düsseldorf: Claassen. Grafik S. 45: Die Pyramide der Komplexität.
* Für die Gestaltung der Grafik »Die Pyramide der Komplexität« habe ich für den Hintergrund das folgende Foto verwendet: »The brilliant star VFTS 682 in the Large Magellanic Cloud.jpg«. This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license. Date 25 May 2011. Download von commons.wikimedia.org. Author : ESO/M.-R. Cioni/VISTA Magellanic Cloud survey. Acknowledgment: Cambridge Astronomical Survey Unit
Text geschrieben und eingestellt im August 2026.